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KirschbaumblüteDas Paradigma der Zärtlichkeit

Ich nehme eine Rose. Königin der Blumen. Die Farbe, der Duft, sie leuchtet in alle Sinne. Sie ist schön. Ich will ihr Geheimnis entdecken. Das Geheimnis ihres Leuchtens. Das Geheimnis ihrer Schönheit. Ihrer Wildheit und Ordnung. Will hinter das Geheimnis ihres Duftes kommen. Ich nehme sie auseinander. Ich dringe immer tiefer in sie vor. Ich zerlege sie in kleinste Teile. Und hätte ich ein Mikroskop, ich könnte in kleinste Teile hineinschauen.

Und: Kenne ich jetzt ihr Geheimnis? Ich habe sie zerpflückt. Ich kann das nicht mehr rückgängig machen. Sie wird nicht mehr ganz. Ein solcher Weg vermehrt zwar unser Wissen, aber ich ahne: Die Zukunft braucht einen anderen Umgang mit Pflanze, Tier und Mensch.

Wir alle haben das Empfinden, in einer Zeit großer Umbrüche zu leben. Das gilt auch für die Wissenschaft, die sich anschickt, die kleinsten verbliebenen Geheimnisse des Menschen zu entschlüsseln, die sich anschickt, Menschen zu klonen, jedes Maß verliert, und in ihrer Maßlosigkeit zerstörerisch wird.

Das gilt auch für meine Wissenschaft, die Theologie. Die Bibel ist akkurat zerlegt wie ein Leichnam in der Pathologie. Wir wissen, was man überhaupt wissen kann. Allein, daraus wird weder Glaube noch Wahrheit. Auch diese Art Theologie ist an ein Ende gekommen und braucht eine Zeit des Staunens, des Horchens, des Schauens, der Offenheit für die Liebe und der Meditation.

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Die Zeit des absoluten Herrschens von Messen, von Berechnen, von Analysieren, von Zerlegen, von Diskutieren – discutere heißt „zerschneiden“ – ist vorbei. Versuchen Sie, Vincent van Goghs Sonnenblumen in kleine Quadrate aufzuteilen, zu nummerieren in der Horizontale, zu buchstabieren in der Vertikale. Sie werden scheitern, wenn sie meinen, Vincents Genialität auf „Quadrat K 23“ näher zu kommen. Versuchen Sie, Johann Sebastian Bachs Genialität des Sanctus der hmoll-Messe in Zweiunddreißigstel zu zerlegen. Schreiben Sie ein Buch über den 39. Takt oder über das zweite Viertel dieses Taktes und seine Beziehung zum 12. Takt des Kyrie. Sie werden alle möglichen Konstrukte entdecken. Das Genie beginnt dann, wenn sie die Notenlinien und Taktstriche vergessen und nur noch hören.

Wir hören oder lesen Legenden (auch biblische), über die wir lächeln. Im Paradigma der Aufklärung nimmt solche Legenden keiner mehr ernst. Wir stehen drüber, wir schauen dahinter und durch. Im Paradigma der Zärtlichkeit, für das ich werben möchte, dürfen Legenden bleiben.

Auch die Geschichte von dem kleinen Kind in der Krippe zwischen Ochs und Esel, neben ein paar Hungerleidern aus den Feldern vor Bethlehem, einer viel zu jungen Mutter und einem Vater, der in Angst lebt um das Leben seines Kindes, dessen leiblicher Vater er gar nicht ist.

Ich muss nicht alles wissen. Im Paradigma der Zärtlichkeit dürfen Geheimnisse bleiben. Und werden zu Schlüsseln für unsere Seele. Das Credo, das Glaubensbekenntnis, ist so ein Schlüsselbund mit vielen Geheimnissen. Ich muss auch nicht alles glauben. Ich kann doch auch keine Tür mit einem ganzen Schlüsselbund öffnen. Aber die Geburt Jesu, seine Art der Gerechtigkeit unter den Menschen, sein Weg zu den Toten und der Glaube an ein ewiges Leben können – mal hier, mal da – die Qualität eines für mich wesentlichen Schlüssels bekommen.

Vielleicht kann die Zärtlichkeit ein neues, heilsames Paradigma sein – auch für unser aller Leben auf der Welt in der zweiten Hälfte der 20er Jahre dieses Jahrhunderts. Horchen, Schauen, Warten, Geduld sind damit verbunden. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen mit der Jahreslosung 2026 aus der Johannesoffenbarung „Siehe, ich mache alles neu“ ein freundliches und gesegnetes Jahr 2026.

Wolfgang Blöcker 
(nach einer Idee von Gerhard Engelsberger)


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